Still hopeful: Maude Barlow spricht im Interview über ihr neues Buch

Immer noch voll Hoffnung

Erfahrungen aus einem Leben als Aktivistin

In einem Interview mit der Schriftstellerin Sherlyn Assam spricht Maude Barlow darüber, was ihr Hoffnung macht – und was sie als unsere grösste Herausforderung sieht.

Sherlyn Assam: Woher wussten Sie in Ihrer frühen Arbeit als Aktivistin, dass Sie die richtigen Entscheidungen getroffen haben, auch wenn die Veränderung, für die Sie kämpften, nicht sofort eingetreten ist?

Maude Barlow: Man muss einfach auf das Bauchgefühl und den Instinkt setzen, denn es gibt keinen vorgezeichneten Weg. Das ist eine ziemliche Verantwortung, weil man einen Weg vorspurt, auf dem andere hoffentlich folgen werden. Du musst vorsichtig sein, du musst anderen zuhören, du musst offen sein für Kritik - faire Kritik, nicht das Zeug, das nur veröffentlicht wird, um dich aus der Bahn zu werfen. Du musst daran glauben, dass der Grund, warum du dich so leidenschaftlich für etwas engagierst, real ist – und du musst danach handeln.

Junge Menschen werden ihre eigenen Wege finden müssen, um diese Führungsrolle zu übernehmen, und sie haben kein Rezept, einen Plan, dem sie einfach folgen können. Wir müssen neue Wege finden, Dinge zu tun, weil die vertrauten Wege nicht funktionieren.

SA: Wie sollten Aktivist:innen mit Kritik umgehen?

MB: Wenn Kritik von Organisationen oder Einzelpersonen kommt, die sie respektieren, sollten sie innehalten und zuhören, weil sie vielleicht mit einer Sicht konfrontiert werden, über die sie noch nicht nachgedacht haben. Aber du darfst nicht auf all die Leute reagieren, die nur mit Schmutz und Beleidigungen um sich werfen. Meine Mutter pflegte zu sagen: «Mit Menschen zu streiten, deren Ohren verschlossen sind, ist respektlos gegenüber dir selbst.» Versuchen diese Leute wirklich zu verstehen, oder kritisieren sie nur, um zu provozieren? Für dein eigenes Wohlbefinden musst du den Unterschied erkennen.

SA: Einige Siege im Aktivismus kommen erst nach langer Zeit, und manchmal scheitern Kampagnen auch. Wie verhindern Sie, dass solche Niederlagen Ihre Arbeit beeinträchtigen?

MB: Wenn du dich von einer Niederlage ins Abseits drängen lässt, dann bist du raus aus der Bewegung. Dann beurteilst du eine Kampagne danach, ob wir gewonnen haben oder nicht. Aber das kann nicht der Grund sein, warum du eine Haltung überhaupt eingenommen hast. Ob du Recht hattest, wird die Zeit zeigen. Du gewinnst vielleicht nicht jeden einzelnen Kampf, aber du baust eine Bewegung auf. Es ist dieses Verständnis, etwas aufzubauen, das über sich selbst, über dieses bestimmte Thema oder diese Kampagne hinausgeht. Und das lässt mich durchhalten.

SA: Wie können wir Menschen in Machtpositionen auf ihre blinden Flecken hinweisen, um vielfältige, marginalisierte Perspektiven zu fördern?

MB: Ich spüre ein grosses Gefühl des guten Willens in dieser Hinsicht. Wir sehen, dass viele BIPOC-Leute, insbesondere Frauen, die Leitung einiger grosser Organisationen und Umweltgruppen in Kanada übernehmen. Ich glaube, dass der Wunsch nach Versöhnung mit den First Nations tief und wahr ist. Es liegt Veränderungen in der Luft. Ist es immer gut gemacht? Nein. Klappt das immer? Nein. Aber ist es da? Ja. Ich glaube wirklich, dass es eine tiefe und ehrliche Absicht in unserer Bewegung gibt.

Wir müssen uns die Zeit nehmen, uns mit der Realität von Rassismus und Intoleranz auseinanderzusetzen, die in unsere Gesellschaft und in unsere Bewegungen eingebaut sind, ohne dabei die Dinge aus den Augen zu verlieren, die wir gemeinsam tun können.

SA: Sie haben Vertrauen in die Zivilgesellschaft, den Klimawandel umzukehren, aber andere fühlen sich überfordert. Was braucht es, damit auch die Zivilgesellschaft Vertrauen in sich selbst hat?

MB: Der Planet kann heilen. Unsere Wassersysteme können heilen. Boden kann heilen. Luft kann heilen, wir können heilen, Ozeane können heilen. Wir müssen neue und manchmal auch alte Arten der Nahrungsmittelproduktion und des Reisens einführen. Es gibt viele wunderbare Beispiele von Gemeinschaften, die das Richtige getan haben. Das gibt mir grosse Hoffnung. Ich denke, die grosse Herausforderung für uns besteht jetzt darin, dass wir aufhören müssen, uns selbst als über der Natur stehend zu sehen, auf dem Gipfel des Berges zu stehen - Herrschaft über alles. Wir müssen aufhören, Ressourcen als etwas zu sehen, das nur für uns da ist. Die Ehrfurcht, die indigene Völker für Natur und Wasser haben, muss Teil unseres täglichen Lebens werden.

Wir haben die Vision vor uns, und wir wissen, dass es nicht einfach sein wird. Es ist schwer, eine Gemeinschaft, soziale Programme und diese Vorstellung einer gerechten Gesellschaft aufzubauen. Das ist harte Arbeit, die Menschen vor uns geleistet haben. Es stellt sich heraus, dass es noch nicht vorbei ist. Wir müssen diese harte Arbeit immer und immer wieder tun.

Seit 40 Jahren setzt sich die kanadische Menschenrechtsaktivistin Maude Barlow für soziale Gerechtigkeit und für die Ausweitung der Frauenrechte ein, kämpft für Wassergerechtigkeit und protestiert gegen Ausbeutung und Freihandel. In ihrem neuesten Buch «Still Hopeful: Lessons from a Lifetime of Activism» beschreibt sie, wie sie mitten in diesem globalen Trauma ihren positiven Geist aufrechterhält.

Das Interview erschien am 11. April 2022 im unabhängigen kanadischen Magazin Broadview. Sherlyn Assam hat es per Telefon geführt und der Blue Community gratis zur Verfügung gestellt. Alle Rechte liegen bei ihr.

Kontakt zu Sherlyn Assam:

Die Übersetzung besorgte Roland Brunner für die Blue Community Zürich.

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